Fehler und Fortschritte

Ein Baum, der fällt, macht mehr Krach als ein Wald, der wächst.

Ein sehr wichtiger Satz für uns Musiker, über den es sich nachzudenken lohnt:

Die Gurke und der Wald

Wer kennt es nicht, dass alles, was einen von einem Konzert in Erinnerung bleibt, die eine Gurke ist, die eine Note also, die man verhauen hat. Ärgerlich, aber das ist halt live…

Ich habe es auch im Unterricht oft erlebt, als ich Schüler gefragt habe, wie sie das Stück, das sie mir eben vorgespielt haben, wahrgenommen haben. Fast immer weisen die Schüler ausschließlich auf Punkte hin, die ihnen mißgelungen sind. Manchmal haben wir dann Noten gezählt: 78 Noten auf der Seite gelungen, 3 verhauen.

Wir haben die Tendenz, den Baum, der fällt, überdeutlich wahrzunehmen, ihn unsere gesamte Wahrnehmung dominieren zu lassen. Eine „Gurke“ wird in unserem Bewusstsein riesengroß. Der Wald, der wächst, wird hingegen kaum noch wahrgenommen. Wir halten das, was uns gelingt für so selbstverständlich, dass wir es gar nicht mehr als gute Leistung wahrnehmen, geschweige denn uns darüber freuen können. Objektiv wäre das Verhältnis in obigem Beispiel 78 zu 3, also doch sehr positiv – psycho-logisch hingegen sehen wir oft nur das Negative.

Diese Tendenz ist in uns eingebaut und wird noch durch Sprüche wie „Eigenlob stinkt“ verstärkt. Mit einigen Schülern habe ich dann eingeübt, zuerst mindestens fünf positive Dinge zu nennen, bevor sie auch nur einen Kritikpunkt nennen. Man kann das trainieren, so dass die eigene Wahnehmung mit der Zeit ausgewogener und damit wirklichkeitsnäher wird.

Der Wald der Fortschritte

Auch beim Üben spielt der Satz eine wichtige Rolle. Sei es die Entwicklung der Spieltechnik oder musikalischer Gestaltung. Ein Beispiel.

Ein Trompetenschüler arbeitet seit Monaten an seinem Anstoß. Er übt sich darin, den Minimalaufwand zu finden: „Was ist die kleinstmögliche Zungenbewegung, die nötig ist, um den Luftstrom zu unterbrechen?“ Er macht spezielle Geschicklichkeitsübungen und welche, die die Geschwindigkeit steigern sollen. Die Übungen gelingen ihm schon sehr gut und er trainiert die Bewegungen immer wieder. Einzig der Anstoß will nicht besser werden. Das frustriert ihn verständlicherweise, schließlich arbeitet er seit geraumer Zeit daran.

Sind die Übungen also ungeeignet? Macht er etwas Grundlegendes falsch? Ja, das ist natürlich möglich. Oft ist es aber so, dass die nötigen Fertigkeiten längst entwickelt sind, sich aber noch nicht als konkrete Verbesserung bemerkbar machen. Der Wald wächst eben in seinem eigenen Tempo und hat vielleicht schon eine beachtliche Größe erreicht. Man selbst kann ihn aber nicht wahrnehmen – ein Außenstehender schon eher. Was man wahrnimmt ist, dass man übt und sich der erwünschte Fortschritt nicht einstellt.

Man muss also lernen zu vertrauen, dass, wenn man sinnvoll übt und sich auch mit dem Thema Gewohnheiten beschäftigt, sich das Ergebnis schon einstellen wird. Vielleicht später als einem lieb ist, aber es lohnt sich dran zu bleiben, damit der Wald wachsen und gedeihen kann 🙂

Lerne effektiver zu üben

Mehr zum Thema in meiner Videopräsentation: Effektiv üben

1 Kommentar zu “Fehler und Fortschritte

  1. Frauke Willer

    Wie sagte mal ein Lehrer zu mir: „Du kannst dir dein wirklich sehr gutes Trompetenspiel auch schlecht reden!“

    Und ja, ich bin ein Fehlersucher beim Üben und sehr kritisch mir gegenüber, aber ich kann mich auch durchaus selber loben, wenn ein Stück so war, wie ich es besser nicht hätte spielen können.

    Bei Konzerten nehme ich Fehler nicht großartig wahr, da geht es einfach um das große Ganze und die zwei oder drei falschen Töne, welche vielleicht (klar meine Anspruch ist natürlich ein Konzert komplett fehlerfrei zuspielen) passieren, die gehören einfach dazu, wir sind halt keine Maschinen. Daher muss man die nicht dramatisieren.

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