Weniger Verspannungen beim Musizieren

Die meisten Musiker sind beim Üben und Spielen mehr oder weniger verspannt. Für viele ist es einfach nur lästig und verdirbt die Freude am Musizieren. Außerdem beeinträchtigt es die Qualität des Spiels und mit Entspannungsübungen ist es oft nicht getan.

Im Profibereich sind viele Berufserkrankungen auf langjährige, chronische Verspannungen und beispielsweise daraus resultierender Gelenkschädigungen zurückzuführen. Aber auch die Mehrzahl von Rückenschmerzen wäre zu vermeiden, würde das Thema Verspannung angemessen angegangen.

Was sind Verspannungen?

Verspannungen sind ungewollte, dauerhafte Muskelanspannungen, die Beweglichkeit und Funktionalität einschränken – oft an Stellen, die für das Musizieren gar nicht angespannt sein bräuchten (z.B. Schultern)

Für Musiker haben Verspannungen also zwei Aspekte:

  1. dauerhafte und/oder übermäßige Muskelanspannungen, die unangenehm sind oder sogar Schmerzen verursachen
  2. zwei widerstrebende Bewegungen, die sich gegenseitig behindern, deswegen Kraft kosten und das Musizieren erschweren.

Symptomorientierte Strategien, wie Entspannen oder Schulterkreisen bringen meist nur kurzzeitig Linderung, sind also als dauerhafte Lösung ungeeignet. Schauen wir uns also an, was als Ursache für Verspannungen in Frage kommt.

Eine gute Haltung

Hand auf’s Herz, wie viele Menschen kennst Du, die nicht schon beim nomalen Sitzen verspannt sind? Meistens sind es sehr wenige, wenn überhaupt jemand. Also ist bereits das normale Stehen oder Sitzen für die meisten nicht ohne Verspannungen hinzubekommen. Wie soll es dann erst gelingen, wenn noch eine komplexe Tätigkeit wie das Spielen eines Musikinstrumentes hinzukommt?

Wie kommt es dazu? Es gibt unzählige mögliche Gründe und ein Aspekt, den ich hier nennen möchte, ist die kulturelle Angewohnheit, sich nach hinten aus der Balance zu bringen. Fast alle Stühle sind nach hinten abschüssig konstruiert, so dass es fast unmöglich ist, aufrecht auf ihnen zu sitzen. Man muss sich also zwangsläufig

  • entweder nach hinten lehnen und zusammensinken
  • oder mit Anstrengung dagegen arbeiten, um die Aufrichtung zu erhalten.

Nach tausenden Stunden des Sitzens in der Schule haben wir alle verlernt, wie es einmal war, als wir als kleine Kinder eine natürliche Aufrichtung hatten.

Stattdessen fangen wir dann an Rückenmuskeln zu trainieren oder wir entwickeln Konzepte davon, was eine „gute Haltung“ sei und entfernen uns dadurch meist nur noch mehr von der verlohren gegangenen Natürlichkeit. Wir sind entweder zusammengesunken oder halten uns mit Muskeln aufrecht, die gar nicht dazu gedacht sind, weswegen es so anstrengend ist. Verspannungen werden dadurch unvermeidlich.


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Falsche Konzepte

Im Laufe der Zeit entwickeln wir bewusste oder unbewusste Vorstellungen, wie das Spielen unseres Instrumentes funktioniert. Oft haben diese Konzepte allerdings nur wenig mit der Realität gemein. Dafür gibt es zahllose Beispiele:

  • Bauchatmung – der Begriff suggeriert, dass die Luft in den Bauch ginge. Geht sie natürlich nicht, aber wenn Kinder dazu angehalten werden „in den Bauch“ zu atmen, dann wird sich ein solches unbewusstes Konzept formen, das eine natürliche Atmung behindert. Ich habe es einmal sogar erlebt, dass ein Erwachsener auf die Frage, wo die Lungen seien, spontan auf den Bauch gezeigt hat.
  • Handgelenk – was passiert bei einer Rotation der Hand? Welche Gelenke sind beteiligt? Kaum einer weiss, dass bei dieser für Streicher, Pianisten, Schlagzeuger usw. alltäglichen Bewegung, die Elle die Speiche kreuzt und somit auch ein Gelenk im Ellenbogen beteiligt ist.
  • Wirbelsäule – diese ist keine „Säule“ in dem Sinne, dass sie starr oder gerade wäre. Nein, sie ist gebogen und flexibel. Das was Du hinten am Rücken spürst sind nur die Dornfortsätze. Die tragende Struktur ist einige Zentimeter weiter Richtung Körpermitte.
  • und viele weitere mehr…

Viele solcher Konzepte entstehen im Unterricht und oft ist es auch nicht vermeidbar, denn es kommt nicht nur darauf an, was jemand sagt, sondern auch wie es verstanden wird, worauf ein Lehrer nur begrenzt Einfluß hat.

Andererseits gibt es auch den mächtigen Faktor Imitation. Es ist die natürliche und auch die schnellste Art zu lernen, was auf der anderen Seite den Nachteil hat, dass man auch ungünstige Muster imitiert.

Und jetzt gibt es ein BewegungsGesetz, das besagt, dass der Körper immer versucht die Vorstellung(!) einer Bewegung umzusetzen. Dies gilt auch dann, wenn die Vorstellung nicht der Realität entspricht!

Das erklärt, warum beim Spielen zahllose Regionen angespannt werden, die mit dem eigentlichen Musizieren nichts zu tun haben. Man versucht „in den Bauch“ zu atmen oder das Handgelenk zum drehen zu bringen oder die Schultern unten zu „lassen“ (meistens durch „ziehen“) und verspannt deswegen alle möglichen Muskeln.

Druck und Unsicherheit

Jeder Musiker möchte gut spielen und gibt sich entsprechend Mühe. Oft passiert es, dass man sich selbst unter Druck setzt, was natürlich auch seine körperliche Entsprechung findet. Die ursprüngliche Absicht gut zu spielen verselbstständigt sich und wird zu einem dauerhaften Druck – geistig und körperlich. Die Folge sind Verspannungen.

Bläser oder Sänger brauchen die Gewissheit, dass sie bei einem hohen Einsatz den Ton treffen, Pianisten dass sie den Sprung hinbekommen, Streicher wollen beim Lagenwechsel keine Überraschung erleben, was die Intonation angeht usw. Das ist ja auch selbstverständlich.

Jetzt gibt einem eine erhöhte Körperspannung das Gefühl von Kontrolle. Das ist natürlich eine Illusion, aber subjektiv fühlt man sich sicherer, wenn der Muskeltonus erhöht ist. Man findet also eine scheinbare Sicherheit in Anspannung, was oft nur schwer zu verändern ist, denn die Alternative Loslassen und Vertrauen, dass der Körper das Eingeübte auch umzusetzen vermag, ist schwierig und macht zunächst Angst. Kein Wunder also, dass das zu dauerhaften Verspannungen beim Musizieren führt.

Innere Konflikte

Ein weiterer Aspekt sind unangenehme Gefühle wie beispielsweise

Lampenfieber – das ist nervig und unangenehm
Frustrationen – weil etwas nicht klappt, wie man gerne möchte
Ungeduld – es geht einfach nicht schnell genug vorwärts

Die erste Reaktion auf solche Gefühle darauf ist meistens Ablehnung. Man möchte das Gefühl ausblenden, beseitigen, loswerden. Das ist aber ein aussichtsloses Unterfangen, denn man kann Emotionen nicht nach belieben an- und ausschalten oder verändern.

Das Gefühl ist also einerseits da und andererseits will man es nicht haben. Auch dieser innere Konflikt führt zu erhöhtem Muskeltonus. Oft ändert sich die Situation auch über längere Zeit nicht, denn bspw. steht der nächste KonzertTermin schon fest und damit das Lampenfieber vor der Tür.

Grund genug zu lernen, den Umgang mit Emotionen konstruktiver zu gestalten, um solche Konflikte Schrittweise und dauerhaft zu vermeiden.

Fazit und Praxistipp

Das Thema Verspannungen ist für Musiker ein stets präsentes und umfangreiches Thema und kann nicht mit wohlmeinenden Ratschlägen „sich zu entspannen“ erledigt werden. Es braucht ein radikal ehrliches Anschauen der Ursachen, damit man entsprechende Veränderungen vornehmen kann. Da Gewohnheiten oft eine große Rolle spielen ist auch ein gewisses Training nötig um dauerhafte, positive Veränderungen herbeizuführen.

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Bildnachweis:
Titel: © Andrey Kiselev – fotolia.com
Kind: © Melpomene – fotolia.com
Imitation: © Drobot Dean – fotolia.com

1 Kommentar zu “Weniger Verspannungen beim Musizieren

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